Der Apriorist - Blog 30. Jul. 2013

Egoismus

von John Beverley Robinson

Tags: Essay, Begriffe | Comments (0)

Essay von John Beverley Robinson. Veröffentlicht 1915. Original von der University of Michigan.


Es gibt kein Wort, das mehr fehlgedeutet wurde als das Wort "Egoismus". In erster Linie soll man darunter das Verfolgen des Eigeninteresses ohne Rücksichtnahme auf die Interessen anderer verstehen. Er ist von daher dem Altruismus entgegengesetzt -- der Selbstaufopferung für andere. Diese Deutung von Herbert Spencer wörtlich genommen baut also einen Gegensatz auf.

Dann verbindet man ihn mit Hedonismus, Eudaimonismus oder Epikurismus - Philosophien, die lehren, dass das Streben nach Freude oder Glück oder Nutzen, wie immer man es auch benennen will, die Bestimmung des Lebens ist.

Moderner Egoismus, wie er durch Stirner und Nietzsche vorgeschlagen und durch Ibsen, Shaw und andere verfeinert wurde, ist all dies, aber er ist mehr. Er ist die Erkenntnis des Einzelnen, dass er ein Einzelner ist - dass, soweit ihn etwas betrifft, er der Einzige ist. Jeder von uns steht allein in der Mitte des Universums. Er ist umgeben von Augenblicken und Klängen, die er als ausserhalb von sich deutet, obwohl er von all dem weiß, dass sie die Eindrücke auf seiner Retina und auf seinem Trommelfell in seinem Ohr und anderer Sinnesorgane sind. Für den Einzelnen wird das Universum durch diese Empfindungen erfasst. Sie sind - für ihn - das Universum. Einige dieser Empfindungen deutet er als Anzeichen für andere Individuen, die er mehr oder weniger als ihm ähnlich begreift. Aber sie sind nicht er selbst. Er ist getrennt, steht allein. Sein Bewusstsein, das Verlangen und die Befriedigung, die er erfährt, sind einzigartige, einmalige Dinge - niemand außer ihm kann sie erfassen.

Wie nah und teuer dir auch deine Frau, deine Kinder, deine Freunde sind, sie sind nicht du. Sie sind ausserhalb von dir. Es gibt niemand anderen als dich, der deine Gedanken oder Gefühle erlebt. Zweifellos erfreut es dich, wenn andere so denken wie du und dich durch Sprache darauf aufmerksam machen, oder wenn anderen Menschen die gleichen Dinge wie dir gefallen. Außerdem- ganz abgesehen von ihrem Genuß an den gleichen Dingen, die du genießt, erfreust du dich daran, wie sie überhaupt Freude auf irgendeine Weise empfinden. Solche Befriedigung des Einzelnen ist das Vergügen der Sympathie - eine der durchdringendsten Freuden, die den meisten Menschen überhaupt möglich ist.

Entsprechend deiner Sympathien wirst du Freude an deinem eigenen Glück oder am Glück anderer Menschen haben. Aber es ist immer dein eigenes Glücklichsein, wonach du strebst.
Der größte Egoist kann ein vollkommender Altruist sein. Aber er weiß, dass sein Altruismus - im Grunde - nichts als Selbstbefriedigung ist.

Aber Egoismus ist mehr als das. Er ist die Erkenntnis des Einzelnen, dass er über allen Institutionen und allen Formen steht, dass sie nur insoweit existieren, so weit er sich für sie entscheidet und sie sich aneignet indem er sie akzeptiert.

Wenn du klar erkennst, dass du das Maß des Universums bist, dass alles, was existiert, nur für dich insoweit existiert, so weit es in deinem Bewusstsein entsteht, wirst du ein neuer Mensch. Du siehst alles in einem neuen Lichte: Du stehst auf einer Anhöhe und spürst die erfrischende Luft über dein Gesicht streichen und du entdeckst eine neue Kraft und Schönheit.

Welche Götter du auch immer anbetest, du erkennst, dass sie deine Götter sind, die Kinder deines eigenen Geistes; schrecklich oder liebenswürdig - sie sind, wie du sie erschaffst. Du hältst sie in deiner Hand und du spielst mit ihnen wie ein Kind mit seinem Papierspielzeug. Du hast gelernt sie nicht zu fürchten, da sie nichts weiter sind als die "Imaginationen deines Herzens".

Du hast gelernt durch all die Ideale, die gemeinhin von Menschen wie dir gedacht werden, hindurchzuschauen. Du hast gelernt, dass sie deine Ideale sind. Ob du sie selbst ins Leben gerufen hast - was eher unwahrscheinlich ist - oder ob du die Ideale eines anderen übernommen hast, spielt dabei keine Rolle. Sie sind deine Ideale so weit du sie akzeptiert hast. Ein Prediger ist nur so weit würdig, so weit du ihn würdigst. Würdigst du ihn nicht mehr, ist er nicht länger würdig für dich. Du hast die Macht Prediger entstehen und vergehen zu lassen, so einfach wie du Götter entstehen und vergehen lassen kannst. Du bist der Eine, von dem der Dichter berichtet, dass er aufrecht steht - unbeeindruckt, während das Universum um ihn herum in Fragmente zerfällt.

Und all die anderen Ideale, die die Menschen treiben, die die Menschen versklaven, für die sich die Menschen quälen, haben keine Macht über dich. Sie beeindrucken dich nicht mehr, weil du weißt, dass es deine Ideale sind, entstanden in deinem eigenen Geist, zu deiner eigenen Freude, um auch geändert oder verworfen zu werden, wenn du dich nur dafür entscheidest, sie zu ändern oder zu verwerfen. Sie sind deine eigenen Haustiere, die zum Spiel da sind, nicht um gefürchtet zu werden.

"Der Staat" oder "Die Regierung" wird von vielen als ein Sache über ihnen idealisiert, um verehrt und mit Ehrfurcht begegnet zu werden. Sie nennen es "Mein Vaterland" und wenn man diese magischen Worte ausspricht, werden sie losbrechen, um ihre Freunde zu töten, denen sie nicht eine Schramme antun würden, wenn sie nicht von ihrem Ideal vergiftet und verblendet wären. Die meisten Menschen sind unter dem Einfluss ihrer Ideale ihrer Vernunft beraubt. Angetrieben durch das Ideal der "Religion" oder des "Patriotismus" oder der "Moral" springen sie an Gurgel des anderen - sie, die sonst die sanftesten unter der Menschen sind!

Aber ihre Ideale sind für sie wie die "fixen Ideen" eines Wahnsinnigen. Sie werden unter dem Einfluss ihrer Ideale irrational und unzurechnungsfähig. Sie wollen nicht nur andere zerstören, sie wollen ihren Egoismus aufgeben und dann hetzen sie im Wahn ihrer Selbstzerstörung entgegen, um sich für das alles verschlingende Ideal zu opfern. Ist das nicht seltsam für einen, der sich dieses Schauspiel mit Abstand zu betrachten vermag?

Das Wissen des Egoisten, dass seine Ideale nur seine Ideale sind, befreit ihn von ihrer Herrschaft. Er handelt in seinem eigenen Interesse, nicht im Interesse eines Ideals. Er will im Interesse einer fremden "Moral" weder einen Menschen aufhängen noch ein Kind schlagen, wenn es ihm widerstrebt.

Er hat keine Achtung vor dem "Staat". Er weiß, dass "die Regierung" nichts weiter als ein paar Menschen sind - beschränkte Menschen wie er und viele noch beschränkter als er selbst. Wenn der Staat Dinge tut, die ihm nutzen, dann wird er ihn unterstützen; wenn der Staat ihn angreift und in seine Freiheit eingreift, wird er sich ihm mit allen verfügbaren Mitteln entziehen, wenn er nicht stark genug ist ihm zu trotzen. Er ist ein Mensch ohne ein Land.

"Die Fahne", die die meisten Menschen verehren, so wie Menschen immer Symbole verehren - das Symbol mehr anbetend als die ihm zugrundegelegten Prinzipien - ist für den Egoisten ein unansehnlicher Flickenteppich; und jeder kann bei Interesse auf der Fahne herumtrampeln und sie bespucken ohne dass seine Gefühle dabei andere wären, als bei einem Trampolin, auf dem sie herumspringen oder es bespucken. Die Prinzipien - durch die Fahne symbolisiert, wird er hochhalten soweit es ihm vorteilhaft erscheint sie hochzuhalten. Wenn aber die Prinzipien von ihm fordern Menschen zu töten oder selbst umgebracht zu werden, wird man ihm zeigen müssen, worin der Nutzen für ihn bestehen soll, zu töten oder getötet zu werden, bevor man ihn überzeugen kann sie hochzuhalten.

Wenn der Richter den Gerichtssaal in seiner Kluft (Richter und Minister und Professoren schätzen den Wert einer Kluft, um den Pöbel zu beeindrucken) betritt, ist der Egoist ohne Ehrfurcht. Er hat nicht einmal Respekt vor dem "Gesetz". Wenn das Gesetz zu seinem Gunsten steht, wird er es für sich nutzen. Wenn es in seine Freiheit greift, wird er es übertreten, so weit er glaubt, dass dies klug sei. Aber er hat keine Empfindung für das Gesetz als etwas Überirdisches. Es ist für ihn eine plumpe Kreation jener, die immer noch "in der Dunkelheit sitzen".

Auch beugt er sich nicht vor der Moral - Heilige Moral! Manche ihrer Gebote wird er akzeptieren, falls er sich dazu entschliesst, aber du kannst ihn nicht durch ein "Das ist nicht recht" ängstigen. Er wird es gewöhnlich vorziehen nicht zu töten oder zu stehlen, aber er wird töten oder stehlen, um sich selbst zu retten. Er wird es mit gutem Herzen tun, ohne schlechtes "Gewissen". Und "Moral" wird ihn niemals dazu verleiten andere zu verletzen, wenn es ihm keinen Nutzen verschafft.

Man wird ihn nicht unter einer Bande "Rechtschaffender" finden - arme Teufel prügelnd und verbrennend, die nicht konform mit dem Diktat der "Moral" gingen, obwohl sie damit niemandem geschadet haben.

Seinen Freunden - jene Menschen, die von ihm Ehrlichkeit verdienen, wird er Ehrlichkeit schenken, aber man kann ihn nicht zur Wahrhaftigkeit zwingen, weil er keine Furcht vor der Lüge hat. Er hat nicht einmal vor einem Meineid Ehrfurcht, weiß er doch, dass Schwüre nur Mittel sind den Geist mit überirdischen Ängsten zu fesseln.

Und die ganzen anderen kleinen, dürren Ideale, mit denen wir unseren Geist gefesselt und unsere kleinen Leben geknebelt haben, sind für den Egoisten nicht vorhanden.
"Kindliche Liebe und Respekt" wird er seinen Eltern geben, wenn sie es verdient haben.
Wenn sie ihn in seinen Kindertagen geschlagen und in seiner Kindheit verachtet und in seinem Erwachsenwerden gekränkt haben, kann er sie möglicherweise trotz der Mißhandlung lieben, aber wenn sie sich seine Zuneigung abspenstig gemacht haben, werden sie sie nicht durch einen Apell an die "Pflicht" wiedererwecken.

Kurz, Egoismus in seiner aktuellen Interpretation ist die Antithese, nicht des Altruismus, sondern des Idealismus. Der gewöhnliche Mensch - der Idealist - ordnet seine Interessen seinen Idealen unter und er leidet gewöhnlich für sie. Der Egoist wird durch keine Ideale an der Nase herumgeführt: er verwirft sie oder nutzt sie, seinem eigenen Interesse entsprechend. Wenn er es mag altruistisch zu sein, dann wird er sich für andere opfern; aber nur weil er es mag. Er fordert keine Dankbarkeit oder Verehrung als Erwiderung.


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