Der Apriorist - Blog 19. Mar. 2011

Riskante Kernenergie in einer freien Gesellschaft? -- Unwahrscheinlich!

von Norbert Lennartz

Tags: Sicherheit, Recht, Kernenergie | Comments (0)

Wie könnten sich AKW-Betreiber in einer freien Gesellschaft durchsetzen?

Ein potentieller AKW-Betreiber würde für die Bevölkerung eine Bedrohung darstellen, wenn er nicht nachweisen kann, dass seine Handlungen gegen eine atomare Verseuchung absolut sicher sind. Dieser Beweis ist nicht zu führen.

Nun gibt es Strategen, die meinen, dass es sowieso keine absolute Sicherheit gäbe, d.h. uns könne auch ein Toaster umbringen. Doch dieses Argument ist so schwach wie irrelevant, weil es unsere eigene Entscheidung ist, einen Toaster zu verwenden. Ein Toaster zu verwenden, bedeutet für den Handelnden wie auch immer ein diesbezügliches Lebensrisiko in Kauf zu nehmen. Es ist seine eigene Entscheidung. Bei der Bedrohung durch ein AKW ist das aber nicht der Fall. Hier werden uns Kosten auferlegt, für die wir uns nicht entschieden haben.

Wie ist es aber bei einem Flugzeug, dass uns ungefragt auf den Kopf stürzen könnte? Bin ich jetzt völlig technologiefeindlich? Auch einem Flugzeugbetreiber würde oder könnte ich selbstverständlich verbieten wollen, ungebeten meinen Körper und mein Eigentum zu bedrohen. Dies gilt grundsätzlich für jede Handlung anderer Menschen. Warum sollte mich das einfach unberührt lassen? Faktisch ist es für mich eine Aggression, wenn andere ihre verursachten Risiken auf mich ausweiten und damit Kosten abwälzen und u.U. über Leichen gehen.

Im Falle der AKWs sind Betreiber noch nicht mal in der Lage sich gegen die möglichen Sachschäden ausreichend zu versichern, da die potentielle Schadenshöhe jegliche Leistungsbereitschaft einer Versicherungswirtschaft übersteigen muss, und dabei reden wir nur von Sachschäden. Personenschäden kann man einfach nicht wieder gut machen, wenn mit den Personen keine Entschädigungsleistung vereinbart wurde. Dies ist ein ultimatives ethisch-normatives Argument.

Nun mögen unsere Atomfans weiter behaupten, dass unsere Argumente letztlich praktisch vor einer Atomindustrie und entsprechenden Energie-Nachfragern Bestand halten müsste. Das ist wohl wahr. Aber auch das ändert nicht das Geringste an der Kraft des normativen Arguments, denn ich (als potentieller Ablehner eines AKWs) könnte mich mit meinem justiziablen Argument der gesamten privatrechtlichen Justizwirtschaft bedienen. Ich behaupte dabei nicht, dass diese Justiz existierten müsste. Ich behaupte nur, dass die konfiszierbare Kapitalkraft der Beschuldigten privatrechtliche Handlungen gegen sie geradezu auf den Plan ruft, denn sie werden dafür aufkommen müssen.

Ein AKW-Betreiber kann sich zwar auch an die private Sicherheitswirtschaft wenden, aber nur mit einem utilitaristischen Argument. Dies könnte nur durchgesetzt werden, wenn eine starke wirtschaftliche Macht dahinter steht, die auf die Kraft einer funktionieren Justiz vollständig verzichtet, denn eine Justiz, die ihren Namen verdient, funktioniert nun mal nur auf der Basis von ethischer Begründung. Eine utilitaristische Wirtschaft kann keine funktionierende Justiz dulden, und eine Wirtschaft, die über keine funktionierende Justiz verfügt, verliert ein wichtiges (vielleicht das wichtigste, um frei zu sein) wirtschaftliches Fundament. Eine solche Wirtschaft müsste zum Feind einer freien Gesellschaft werden oder könnte nur von einer seltsam ambivalenten Mentalität toleriert werden.

Wer würde sich also am ehesten in einer freien Gesellschaft durchsetzen können?




Kommentare (8)

  1. hayek:
    Apr 27, 2011 at 06:20 PM

    der Beginn ist schon falsch. Der toaster ist mitnichten nur mein eigenes Ding. Ich setze dann das Leben anderer aufs Spiel, wenn ich ihn in meiner Wohngemeinschaft benutze (mutwillige Brandgefahr unter in Kauf Nahme von toten Mitbewohnern), in meiner Familie mit unschuldigen kindern, die sich noch nicht wehren können, wenn ich Freunde zu Besuch habe (streng genommen müsste ich sie demnach über die Risiken des toasters aufklären oder ich würde für meine gäste eine Gefahr darstellen!)

    Die Welt ist eben nicht schwarz weiß, nicht wahr oder falsch sondern ein steter übergang von Grauem. Der Toaster ist genauso eine Gefahr für die gesellschaft wie ein Atomkraftwerk, it is a matter of degree not of class or category. Apriorism geht nicht, weil es keine kategorien gibt. definiere mir eine einzige Kategorie die apriori unabhängig von der EMPIRIE existiert und somit nicht letztlich von einem gesellschaftlichen Konsens definiert wird, der ja empirisch und konstruktivistisch ist

  2. hayek:
    Apr 29, 2011 at 12:50 PM

    ich stimmte gemachten argument des textes ja zu, nur ist diese richtige schlussfolgerung nicht dem aprioristisch-deduktiven ansatz geschuldet. der autor kommt auf diese plausiblen ergebnisse trotz einer falschen annahme, die da lautet, es gäbe einen fundamentalen unterschied zwischen der benutzung eines toasters und eines AKW. das ist schlicht falsch. jede nutzung beinhaltet externalitäten. it is a matter of degree , not of principle.


  3. Norbert Lennartz:
    May 03, 2011 at 10:10 AM

    Verehrter Hayek,
    ich soll eine einzige Kategorie definieren, die apriori unabhängig von der Empirie existiert: Das Denken bzw. die Theorie. Mehr brauche ich auch nicht. Ein Prinzip ist gedanklich immer "schwarz oder weiß", sonst wäre es ja kein Prinzip. Es stimmt zwar, dass die Welt eher "grau" ist, aber das hat mit anderen störenden Faktoren zu tun. Es ändert am Prinzip nichts. Beispielsweise funktioniert die Anwendung des Satz des Pythagoras in der realen Welt ohne Wasserwaage nicht mehr so ganz. Das ändert aber nicht das Geringste am Satz des Pythagoras, sondern bedeutet nur ein Anwendungsproblem. Genauso ist es hier auch. Mitbewohner vor einem Toaster zu schützen, ist nur ein Anwendungsproblem, es ändert nicht das Geringste am Prinzip der eigenen Entscheidung.

    Nun kann man nur fragen: Wie wird denn das Prinzip Teil der Empirie? Antwort: durch das Denken. Das Denken ist Teil der Empirie, weil wir selbst Teil der Empirie sind und unser Handeln danach ausrichten, z.B. indem wir nach Lösungen suchen, um die erdachten Prinzipien anwenden zu können.

    Wie Sie nun inhaltlich zum Thema AKW trotzdem verbindlich zum selben Ergebnis kommen können, erschließt sich mir nicht.

  4. Dr. Werner Ende :
    May 05, 2011 at 08:34 PM

    Es freut mich jedes mal aus libertärem Munde Rationales über die Atomenergie zu hören. Die sehr gut formulierte und sachlich begründete Ablehnung der Atomerergie von Norbert Lennartz ist nicht zu widerlegen. Bravo Norbert!

  5. hayek:
    May 18, 2011 at 04:52 PM

    "ich soll eine einzige Kategorie definieren, die apriori unabhängig von der Empirie existiert: Das Denken bzw. die Theorie."
    wofür sie zwangsläufig eine definiton benötigen, die offensichltich auf konsens im hinblick auf die benutzten Bedeutungen hin beruhen muss und nicht apriori gültigkeit besitzt.

    "Wie Sie nun inhaltlich zum Thema AKW trotzdem verbindlich zum selben Ergebnis kommen können, erschließt sich mir nicht."

    Pragmatismus, ich erkenne ihr Argument an, aber nicht als unumstösslich und apriori wahres Argument, sondern als ein intersubjektiv nachvollziehbares Argument(intersubjektiv deshalb weil wir gemeinsam anerzogene Bedeutungen von Kategorien wie "bedrohungen" usw. haben. - aufgrund unserer Sozialisation und nicht aufgrund ihrer Kategorie ist ein AKW an sich eine Bedrohung aber ein Toaster nicht, obwohl ein Hausbrand auch hier verheerend sein kann)

  6. hayek:
    May 23, 2011 at 03:25 PM


    "Mitbewohner vor einem Toaster zu schützen, ist nur ein Anwendungsproblem, es ändert nicht das Geringste am Prinzip der eigenen Entscheidung."

    Warum ist das prinzipiell unterschieden von meiner eigenen entscheidung ein AKW zu bauen? beides, ein AKW und ein Toaster in meinem Haus haben externe Effekte in Form von Risiken. Alles a matter of degree...

  7. Norbert Lennartz:
    May 24, 2011 at 07:18 PM

    Ich komme noch darauf zurück.

  8. wlfende:
    Jun 03, 2011 at 04:19 PM

    Die Argumentation von Norbert Lennartz ist logisch stringent und sachlich nicht widerlegbar.





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