Der Apriorist - Blog 06. May. 2014

Fragen zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession" (II)

von Norbert Lennartz

Tags: Normen, Praxeologie, Kooperation, Recht | Comments (0)
Zu Kant: Den Satz vom Widerspruch als Norm zu setzen ist m.E. eine Anwendung des kategorischen Imperativs: Dass A zugleich Nicht-A sei, könne nicht als allgemeines Gesetz gedacht werden, und solle es darum nicht. Der Übergang vom "können" zum "sollen" ist sicherlich problematisch, aber von dir auch nicht aufgehoben. Und "Gesetz" ist bei Kant ja nicht positives Staatsrecht. (Nebenaspekt: Interessant wäre, das Verhältnis zur Dialektik zu untersuchen.) Insofern sehe ich Kants Rechtslehre als weiterhin gültig an, was nicht heißt, dass alle Ableitungen, die er vorgenommen hat, ebenfalls richtig seien.

Der Satz vom Widerspruch ist keine Norm, sondern gehört zur apriorischen Kategorie der Logik. Folglich wird da auch nichts gesetzt. Selbstverständlich gibt es bei mir überhaupt kein Problem mit Sollen, weil ich überhaupt kein Sollen setze. Alles ergibt sich aus den apriorischen Kategorien und ist ableitbar. Die Widerspruchsfreiheit der ganzen Aussagen zueinander macht das deutlich. Zu Kants "Gesetz": Ich sagte in Storkow zum Imparativ, "Werdende-Gesetze ist schon im Duktus falsch." Die "Gesetze" oder die Ordnung ist in den Dingen enthalten und "wird" nicht. Selbst die Römer wussten das schon wie van Dun ja auch auf den Unterschied von lex/ius Bezug nimmt. Wir brauchen auch nicht den Blödsinn von Kant weiter untersuchen, nachdem er einmal Staat voraussetzt, der a priori das Recht geben soll. Einmal dieser Doktrin verfallen, kann sie ja nur positivistisch sein.

Zum Recht: Wenn also die Argumentation, der "performative Widerspruch" sei zur Legitimation ungeeignet, keine Aufhebung der Problematik von Sollens-Sätzen darstellt (anders als Hoppe und der späte Rothbard meinten), dann resultiert aus der Argumentation ein Rechtsgedanke, eben kein positiver staatsrechtlicher, sondern ein natürlich-vernunftrechtlicher. Insofern halte ich am Rechtsbegriff fest.

Wenn-also verstehe ich schon gar nicht. Nachdem ich lang und breit deutlich machte, dass der Rechtsbegriff nichts hergibt, außer positivistische Setzungen, kann man nur die Denkweise angreifen. Ich bin allerdings überzeugt, das ist aussichtslos.

Zum Eigentum: Die Entstehung des Eigentumsrecht aus einer Abmachung von Kooperationswilligen bezweifle ich nicht. Sie ist genau das, was Rousseau im Gesellschaftsvertrag beschreibt (auch hier gilt: man muss nicht allen seinen Ableitungen folgen, ja ihnen vielfach mehr als bei Kant widersprechen; dennoch ist sein Denkansatz wichtig). Die Voraussetzung, den Vertrag einzugehen, ist, wie Rousseau m.E. folgerichtig bemerkt, dass der Mensch "frei geboren" sei, also z.B. nicht als Sklave oder als Teil eines durch impliziten Vertrag begründeten Gemeinwesens. Dies ist das, was Rothbard "Selbsteigentum" nennt. Man kann die Begrifflichkeit bedauern und ablehnen, aber die Sache selbst ist doch m.E. nicht strittig. Aber nicht nur das: Damit eine Person nicht nur sich mit seinem Körper in die Vertragsgemeinschaft einbringen kann, sondern auch ihr "Hab und Gut" und ihre Arbeitskraft, muss sie ebenfalls als rechtmäßiger Eigentümer angesehen werden. Sie kann zwar ihr Eigentum in einen Kollektivbesitz überführen, aber es kann von der Gruppe nicht davon ausgegangen werden, sie habe sowieso schon rechtmäßig Zugriff auf die Person, die Arbeitskraft oder das Hab und Gut des Betreffenden: denn dann würde sie nicht auf seine Zustimmung angewiesen sein. Dies ist m.E. eine Anwendung des Satzes vom Widerspruch. Insofern ist das Eigentumsrecht der Assoziation logisch vorausgesetzt. Denn wenn es kein Eigentumsrecht gäbe, bedürfte es der Assoziation nicht.

Ich habe den Eindruck, Du suchst Dir aus den Theorien einzelner Denker Fragmente raus, die Dir dann Dein Bild bestätigen. Das ist unwissenschaftlich. Eine Wissenschaft entsteht dadurch, dass man sie von unten her apriorisch aufbaut und von oben her empirisch füttert, um zu sehen was da hineinpasst bzw. was zu Widersprüchen führt.

Selbstverständlich wird der Mensch nicht frei geboren. ("Das werden Eintagsfliegen. Der Mensch ist abhängiger als jedes andere Lebewesen. Erst durch sein Denkvermögen kommt er hier zu einer Infragestellung dieser Abhängigkeit. Kommt er nicht darauf, muss er da bleiben, wo er ist.", schreibt mein Verleger.) Der ganze Freiheitsbegriff ist schon in der Diskussion nutzlos. Ich benutze so etwas nicht. Die ganze Theorie, die ich in dem Buch praktiziere, funktioniert ja auch für eine Sklavenhaltergesellschaft, in der die Sklaven eben nicht als juristische Personen betrachtet werden. Eher wie Vieh. Das ist insofern widerspruchsfrei, weil man niemanden zur freiwilligen Kooperation zwingen kann. (Allerdings ließe sich Sklavenhaltung ohne ein Art Gewaltmonopol kaum durchsetzen. Es ist ja nicht universell legitimierbar.) Du schreibst: "Damit eine Person ... sich ... in die Vertragsgemeinschaft einbringen kann, ..., muss sie ... als rechtmäßiger Eigentümer angesehen werden." Eine Person muss ja gerade nicht in eine Vertragsgemeinschaft aufgenommen werden. Vogelfreie sind das beste Beispiel. Erst die freiwillige Kooperation erzwingt es, den Partner als Person zu behandeln. Das sind dann Prämissen des Handelns, hier des freiwilligen kooperativen Handelns.

Kurt Kowalski meint dazu:

"Wenn man die Logik der freien Kooperation zugunsten gesetzter Werte aufgibt, dann ist der Anarchokapitalismus so beliebig wie jede andere Gesellschaftslehre. Und erst dann muss man vom Sein auf ein Sollen (problematischer Weise) ausweichen. Die Folgerichtigkeit von Ursache und Wirkung ist aber kein solches "Gesetz" im Sinne von Kant, in Sinne von Setzung, sondern im Sinne von Sein.

Die Gravitation ist keine Setzung von Newton oder ein Gesetz aus dem Busch, sondern eine zwangsläufige Ableitung aus der Geometrie. (Obwohl das NaturGESETZ heißt) Diese Ableitung auch als positivistische anzusehen, führt ja zur Selbstaufgabe.

Positivismus beschränkt sich nicht auf Staatsrecht."

"Es ist ein großer Schritt von der doch sehr bequemen Selbsteigentumssetzung abzurücken. Es sei denn, man erkennt, dass es für Rousseaus Vertragsgestaltung irrelevant ist, wie jemand geboren ist. Ein Hund hat mit seinem Herrn auch ein Vertragsverhältnis. Und manche Hunde hauen einfach ab; damit haben sie den Vertrag gekündigt. Nicht weil sie von Natur aus frei oder nicht frei geboren sind, sondern weil sie die Norm aufkündigen."




Kommentare (1)

  1. Hermann Meßmer:
    May 09, 2014 at 10:11 AM

    Ich halte es nicht für zielführend, sich jeweils auf Kant, Rousseaus, Stirner, Rothbardt …. zu beziehen. Das mag für eine Analyse der Geschichte taugen, aber zur Klärung eines heutigen Standes der Erkenntnis der Diskutanten, verkompliziert und verwirrt es die Argumentation unangenehm. Ich wünsche mir das loslösen von den verschiedenen Lehrern und die Beschreibung des eigenen Verständnisses ohne interpretierbare Bezüge auf verschiedenste Denker.
    Ich selbst kann verstehen, dass die Logik der freien Kooperation auf zwei Säulen aufbaut. Daraus ergeben sich dann erst Begrifflichkeiten wie „Eigentum“, „Recht“….
    Die zwei Säulen sind das Handeln des Menschen und der Willen zur Kooperation.
    Mehr bedarf es nicht.

    Der handelnden Mensch kann weiß, schwarz, intelligent, dumm, frei oder unfrei sein, es spielt keine Rolle. Er muss nur über Handlungsfreiheiten verfügen, die er selbst auswählen und beschränken kann.

    Wenn jemand sagt, „mein Bleistift“, so hat das noch nichts mit Eigentum zu tun. Der Satz ist lediglich die Anmeldung eines Anspruches einer Handlungsfreiheit. Erst wenn kooperationswillige Partner diesem Anspruch zustimmen, entsteht der gerechtfertigte Besitzanspruch an dem Bleistift. Den gerechtfertigten Besitzanspruch nennen wir nun Eigentum.
    Der Gedankengang, der handelnde Mensch kann das nur tun, wenn er selbst Eigentum an sich selbst hat, ist nicht hilfreich. Der Wille zur Kooperation hängt nur vom Willen selbst ab.
    Ich habe den Eindruck, hier wird zu viel altliebgewordenes hinein philosophiert. Es ist nicht notwendig. Der Wille zur Kooperation ist an der Handlung und den freiwilligen Handlungsbeschränkungen des Menschen erkennbar.
    Das Ganze gilt ebenso für Tiere. Die Handlung ist der entscheidende Fakt. Wenn ein Hund ein Revier markiert und andere Hunde dieses Revier respektieren, kann man von Eigentum sprechen.
    Die Sache selbst kann damit mehrere „Eigentümer“ haben. Ein Mensch, ein Tier teilen sich wiederum den gerechtfertigten Besitz einer Sache auf der Basis ihres Willens zur Kooperation. Der Hund kooperiert mit dem Menschen. Läuft der Hund weg, ist die Kooperation beendet. Die Handlung ist die Grundlage der Kooperation.





Erlaubte Tags: <b><i><br>Kommentar hinzufügen: