Der Apriorist - Blog 23. Jun. 2012

Die Ausgangslage für den Anarchokapitalismus und Sezession

von Norbert Lennartz

Tags: Sezession, Strategie | Comments (0)

Dies ist eine Fortsetzung von: Der Ausweg und die Aufgabe

Bevor es zu den Fragen geht, die mit Sezession verbunden sind, gilt es noch einmal die Ausgangssituation darzustellen. Unsere Ausgangsposition ist durch die Welt bestimmt, in der wir uns zur Zeit befinden. Die Situation ist eine andere als der Zerfall des Feudalismus, die Phase nach dem zweiten Weltkrieg oder der Zusammenbruch des Warschauer Paktes, sondern eine Welt, deren Etatismus sich an die Grenzen der praktischen Durchführbarkeit bringt, indem er Bedingungen schafft, die für die Masse der Bewohner auch mental kaum mehr tragbar sind. Gemeint ist freilich die Situation der zunehmenden Verschuldung, die so viele Staaten in der Welt gleichzeitig betrifft, dass sie sich nicht einmal mehr gegenseitig aus der Patsche helfen können. Unter diesem Szenario sind vor allem zwei Entwicklungen denkbar. Die eine Entwicklung ist die, dass Staaten mit "Faschismus" eine Zeit lang ihre prekäre Lage unter Kontrolle bringen. Die andere politische Situation ist die, dass Regionen, die sich von der politischen Entwicklung benachteiligt sehen, in verschiedene Separationsbestrebungen engagieren und damit mehr oder minder Erfolg haben. Diese angespannten Situationen könnten im günstigen Fall die Möglichkeiten bieten, auch individuelle Sezession durchzuführen.

Die grundsätzliche Frage ist nun, was man vor diesem Hintergrund als jeweiliger Spezialist machen kann bzw. nicht machen sollte. Es gibt theoretisch viele Wege das staatliche System zu schwächen, z.B. über Privatwährungen, über Bewerbung des libertären Verständnis in der Bevölkerung u.a. wie es auch zu beobachten ist. Das sind Vorgänge, die auch stattfinden, ohne dass wir uns darum heute kümmern müssen. Es gibt im Prinzip genug Personen, die das versuchen, während die Spezialisten, also wir als ernsthafte engagierte Anarchokapitalisten eine relativ kleine, versprengte Gruppe sind, die sich klugerweise nicht auch noch darin verausgaben sollte, sondern das ist ein Service, den man bestenfalls hier und da ein wenig coachen braucht, wenn er zu sehr droht, auf Abwege zu geraten. Nein, man muss sich natürlich fragen, was fehlt in diesem Umfeld an Leistungen, die erbracht werden müssen, damit ein gewünschtes Unternehmen erfolgreich sein kann? Und das ist natürlich das Unternehmen über das ich hier schreibe, das Unternehmen in die individuelle Sezession, dass nur ernsthafte engagierte Anarchokapitalisten ausreichend erfassen können. Einschränkung: vorausgesetzt, dass es möglich und nötig ist. Es könnte natürlich auch theoretisch sein, dass sich Etatismus als solcher von seiner endgültigen Krise nicht mehr erholt und dass man eigentlich gar nichts machen muss; aber das ist für absehbare Zeit eher unwahrscheinlich; und andererseits bedeutet das nicht, dass man diesen Vorgang, falls möglich, nicht befördern und ggf. davon sogar profitieren kann, wie noch auszuführen ist.

Nun habe ich ganz bewusst über Unternehmen und Profit gesprochen. Was meine ich damit? Solange die Handelnden in einem System zu moralischem Fehlverhalten animiert werden, ist jede zuverlässige Planung zum Scheitern verurteilt. Ich denke, das beantwortet auch die Frage nach einem Gründungsdokument oder ähnlichem. Ich beziehe mich also auf ein einfaches ökonomisches Prinzip des Handelns, nämlich, dass alle Personen für sich selber und in eigener Verantwortung agieren können. Diese Grundlage führt zu Zuverlässigkeit und Akzeptanz untereinander.

Das ökonomische Prinzip, dass Freiheit nur über den Markt erreichbar sein kann, ist essentiell. Das impliziert auch, dass kein Altruismus im größeren Maßstab erwartet werden kann. Altruismus mag in der Familie oder unter Freunden gut funktionieren (unter eng begrenzten Zielen auch mit Abstrichen in Vereinen oder Open Source Gruppen). Doch wegen der fehlenden sozialen Mechanismen für individuelle Belohnung und Sanktion muss Altruismus im größeren Maßstäben versagen. D.h. unsere Überlegungen müssen streng ökonomisch sein, wenn sie sich auf offene soziale Strukturen richten. Das ist einerseits eine Voraussetzung, um das zu leisten, was wir wollen, andererseits verdeutlicht es, dass wir uns auch auf einfacher Vertragsbasis begegnen können -- mit einer Einschränkung im Vorfeld allerdings: Der Markt dafür existiert ja noch nicht. Was ich gerade mache, ist lediglich reine Pionierarbeit, um diesen Markt zu schaffen. Gäbe es bereits eine Industrie für Sezession, also mit Angebot und Nachfrage, dann wäre ich ohne Sorge über diesen Punkt. Aber das Produkt und die Nachfrage muss erst mal mit einem organisatorischen und finanziellen Aufwand geschaffen werden. Über den Bedarf kann es eigentlich keinen Zweifel geben. Es ist eine Art Marketing gefragt, um die Lücke zwischen Bedarf und Nachfrage zu schliessen.

Zum Profit: Ich muss natürlich erst einiges über den möglichen Ablauf erzählen, aber zunächst mal möchte ich klarstellen, was der unternehmerische Anreiz ist. Mancher mag nämlich denken, das Vorhaben sei mit hohen Kosten verbunden und im Falle des Scheiterns droht der Totalverlust des eingesetzten Kapitals und oder Gefängnisstrafen. Genau das verkörpert mein Vorschlag nicht. Wenn z.B. zu so einem Projekt an einem bestimmten Ort Immobilien aufgekauft werden, dann ist es zunächst mal ein reines Anlageprojekt in Sachwerte. Ergibt sich keine Möglichkeit zur Sezession, dann beschränkt sich der Verlust auf die Kosten der Vermögenstransfers und den organisatorischen Kosten die für die Sache bis dahin ausgegeben wurden. Demnach ist das Risiko überschaubar. Auf der anderen Seite, wenn Sezession erfolgreich ist, dann kann das Projekt über den Verkauf der Immobilienanteile wieder abgewickelt werden. Da dann mit erheblichen Wertsteigerungen der Grundstücke zu rechnen ist, übertreffen die Gewinnaussichten die Risiken deutlich.

Nunmehr ist die Frage wie der Fall des Scheiterns minimiert werden kann (um auch die Frage nach dem Risiko zu beantworten). Dafür ist eine genaue Analyse über die Gewaltbereitschaft der betreffenden Staaten in der betreffenden Situation notwendig. Es wäre zu einfach zu sagen, dass ein Staat sich nicht wehrt, wenn er keine Armee hat. Er könnte das immer noch US-Corps und Blauhelmen übernehmen lassen. Es wäre auch zu einfach zu sagen, dass ein Staat zu mächtig wäre, wenn er bis an die Zähne bewaffnet ist, wie die U.S. Es kommt dann immer noch darauf an, ob der Staat noch die organisatorischen Fähigkeiten besitzt, einen Aufstand skrupellos niederzuschlagen. Das war z.B. beim Fall der Mauer 1989 nicht mehr der Fall. Die DDR war trotz beträchtlichen Aufwandes für die Staatssicherheit hoffnungslos am Ende. Was hätte man zu der Zeit von politischer Seite dagegen unternehmen können, wenn sich einige Gemeinden gegen die Wiedervereinigung gewehrt und ihre Unabhängigkeit erklärt hätten? Wäre das kein idealer Ausstiegszeitpunkt gewesen? Ungeachtet, dass die Menschen mit Versprechungen "blühender Landschaften" und barer DM geködert wurden. Es ist natürlich eine andere Sache, wenn ein Staat dem anderen aus der Patsche hilft oder wenn sich eine Staatsform upgraden lässt. Diese Optionen entfallen weitgehend, wenn die westlichen Demokratien ebenfalls durch sozialistische Misswirtschaft am Ende sind. In dem Maße wie lokale Gruppen bereit sein werden, ihre Unabhängigkeit bis zum Äußersten verteidigen zu können, desto schwieriger wird es für den Staat werden, militärische Aggression gegen die "eigne" Bevölkerung zu organisieren, die nichts weiter als ihr legitimes Recht ausübt. Diese staatlichen Kräfte müssten einer Minderheit gehorchen. Dies wird um so schwerer, wenn wachsende Bevölkerungsgruppen aufgrund der Entwicklungen auf verschiedensten föderalen und supranationalen Ebenen zu separatistischen Akten strebt. Diese wohl zwangsläufigen Tumult-artigen Entwicklungen am Ende des westlichen Sozialdemokratismus wird aber nicht zu Libertarismus führen. Wenn man z.B. auf 1989 zurückblickt und bedenkt, was falsch gelaufen ist, dann ist klar, dass die DDR-Bürger keine Vorstellung davon hatten, was Freiheit tatsächlich zu bedeuten hat. Die Politik hat dann sehr schnell diese Gefühle eingesammelt, um sie in einen neuen Etatismus einzukleiden, der ebenfalls wieder zusammenbrechen wird. Es ist wahrscheinlich, dass ähnliches wieder passieren wird, wenn Menschen nicht bereits hier und heute so vorbereitet sind, dass sie so eine Lage für sich zu nutzen im Stande sind. Es gilt dann für den Libertarismus, diese Phase des Verfalls nicht ungenutzt vorüber streichen zu lassen. Wesentliche organisatorische Fragen müssen im Vorfeld beantwortet sein, um schnell genug auf lokaler Ebene handeln zu können.

Im folgendem Kapitel wird über die Begriff der Sezession zu reden sein, da der Begriff schon einige deduktive Voraussetzungen in sich trägt.


Weiter zu: Der Aufmerksamkeitseffekt -- der Weg der Absonderung


Kommentare (1)

  1. freiheitistunteilbar:
    Jun 24, 2012 at 03:54 PM

    Was in der Familie oder Vereinen stattfindet, ist nicht Altruismus, denn Altruismus bedeutet, sich für Andere aufzuopfern, ohne im Geringsten zu profitieren, eine Perversion.

    Stirner hat dies gut erfasst gehabt. :) Ein "erfolgreicher" hängt stranguliert am Apfelbaum.





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