Der Apriorist - Blog 25. Aug. 2011

Strategie der Aufklärung?

von Norbert Lennartz

Tags: Aufklärung, Psychologie, Veranstaltung | Comments (0)

Daniel Chodowiecki, 1791:
Die aufgeklärte Weisheit
als Minerva
schützt die Gläubigen
aller Religionen

Manche Libertäre verfolgen systematisch das Ziel einer breiten „Aufklärung“ der Gesellschaft, um die Idee der Nichtaggression in Gehirne einzupflanzen und zu verbreiten.

„Aufklärung“ hat mindestens 2 verschiedene Bedeutungen:

  1. im alltäglichen Sprachgebrauch für das Bestreben, durch den Erwerb neuen Wissens Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten, Irrtümer zu beheben

  2. Als geschichtlicher Begriff, bzw. als allgemeiner Appell an die Vernunft der Menschen1

Der Bereich, der von Individuen in ihrem alltäglichen Handeln selbst beeinflusst werden kann, hat mit 1. zu tun. Der oben gestellte Aufklärungs-Anspruch zielt aber auf die 2. Konnotation. Man verlangt einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft.2

Inwieweit kann diese Aufklärungsstrategie funktionieren? Es gibt Berichte und Erfahrungen, dass dies in bestimmten Rahmen effektiv sein könnte,3 aber die Beispiele sind genauso Beispiele dafür, dass es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr funktioniert hat. Es wurde kein nachhaltiger Effekt erzielt, sondern nur oberflächliche politische Begeisterung von Leuten, die nicht hinter der Sache stehen.

Warum wurde keine kontinuierliche Entwicklung der „Aufklärung“ erreicht? Warum ist Aufklärung kein Prozess von anwachsendem Bewusstsein in der Bevölkerung? Dem stehen hauptsächlich zwei wissenschaftliche Ursachen entgegen:

  1. Menschen reagieren nicht allein nach ihrem Verstand, sondern lassen sich durch evolutionär geprägte Reize zu Entscheidungen verleiten, die jenen menschlichen Verstand ausschaltet, der sich sonst der bewussten Logik bedient. Dies sind solche evolutionär geprägten Reize, die „uns“ in bestimmten Situationen als moralisch zweckmäßig erscheinen, wie etwa Religion, Esoterik, Strafrecht, Erziehungsformen usw.

  2. Die großartigen Mittel der Bewusstseinsbeeinflussung (Fernsehen, Zeitungen, Schule, Universitäten, Sozialrecht) werden hauptsächlich vom Staat und seinen anhängigen Institutionen in Richtung medienwirksamer politischer Korrektheit manipuliert, so dass kein gemeinsamer Kenntnisstand erarbeitet werden kann. Diese staatlichen Möglichkeiten permanenter unterschwelliger Indoktrinierung existieren, weil das Gewaltmonopol des Staates existiert und der Staat mit Intellektuellen sowie Brot-und-Spiele-Institutionen die betäubenden, desinformierenden, orwellschen Mittel zu seiner eigenen Akzeptanz wirksam bei Menschen4 quer durch alle Schichten einsetzen kann. Diese Mittel sind durch das demokratische5 System privilegiert und finanziert. Um deren Anreize zu beseitigen, müsste man zuerst das Gewaltmonopol des Staates beseitigen. Dann wäre aber bereits das Ziel erreicht.

Einer Strategie der Aufklärung fehlt es grundsätzlich an ihrem Konzept. Man müsste zunächst erklären können, wie man mit Mitteln der Bewusstseinsbeeinflussung, die noch nicht vergeblich probiert wurden, Erfolg haben kann6. Man müsste auch erklären, wie man jene einbinden kann, die mental gegen den Anarchismus eingestellt sind, d.h. nicht durch Aufklärungsappelle erreicht werden können.7 Solange dieses Konzept nicht existiert, ist diese Strategie in der Praxis offensichtlich ein sich endlos wiederholender Versuch und Irrtum, der libertäre Ressourcen verschlingt.

Ein Beispiel (soweit die Kategorie zutrifft) ist das neuerliche Mises Summit in Wien 2011 mit Seminargebühren, Reisekosten, Hotelkosten und Spesen. Wenn jeder Teilnehmer 1500 Euro dafür aufwendet, sind das bei 50 Teilnehmern bereits 75.000 Euro, die dort mal eben zur reinen „Kultvergötterung“ konsumiert werden.




1   Menschen, die die Autonomie über ihre eigenen Gefühle verloren haben (Gefühle, die den Verstand in Schach halten).

2   Ein Bewusstsein, dass, um wirksam zu sein, auch noch nachhaltig sein müsste.

3   Als Beispiele werden historische Erfolge von libertären Parteien (z.B. USA, Costa Rica) genannt.

4   Menschen, die dafür in ihrem Unterbewusstsein anfällig geprägt sind.

5   Hoppe: „Es gibt heutzutage mehr Propagandisten für die Demokratie als es jemals in der gesamten Menschheitsgeschichte Propagandisten für die Monarchie gab.“

6   etwa durch das Internet, das auch nicht mehr neu ist

7   Oder in der erziehungswissenschaftlichen "triviumschen" Ausdrucksweise: Grammatik und Logik des Empfängers müssten berücksichtigt werden, um erfolgreich zu sein.


H.L. Mencken: "The fact is that the average man's love of liberty is nine-tenths imaginary, exactly like his love of sense, justice and truth. He is not actually happy when free; he is uncomfortable, a bit alarmed, and intolerably lonely. Liberty is not a thing for the great masses of men. It is the exclusive possession of a small and disreputable minority, like knowledge, courage and honor. It takes a special sort of man to understand and enjoy liberty — and he is usually an outlaw in democratic societies."




Kommentare (3)

  1. Dr. Werner L. Ende :
    Aug 25, 2011 at 05:41 PM

    Der Mises Summit gehört tatsächlich in die Kategorie Selbstbeweihräucherung und Heiligenverehrung.

    Mit den bisherigen Methoden der Aufklärung wird man kaum mehr als den Bruchteil einer winzigen Minderheit unter mehr als 6 Milliarden Menschen bewegen können die Idee der Freiheit und individuellen Selbstbestimmung zu verwirklichen.

    Was uns fehlt ist eine umfassende Theorie der Macht und der Erwerb von ebenso umfassenden Fähigkeiten Machtausübung schon in den Anfängen zu erkennen und zu verhindern.

    Aus der heutigen Gehirnphysiologie und -Psychologie wissen wir, dass alles bewusste und rationale Denken über ein Vorbewusstsein und Unterbewusstsein läuft.

    Daran kommen wir ebensowenig vorbei wie an der Kleinhirnsteuerung von Aktionären, die im Zustand der Gier völlig arationale Entscheidungen treffen.

    Wir wissen zwar, dass die Bilderberger und ihre in aller Welt tätigen Unterstützer mit den Instrumenten der Massenpsychologie exzellent umgehen können, eine erfolgreiche Gegenstrategie haben wir jedoch nicht.

    Mit freundlichem Gruß

    Dr. Werner L. Ende 25. August 2011
    werner.ende@stay-free.org
    http://stay-free.org

  2. Manuel Barkhau:
    Aug 27, 2011 at 03:10 AM

    Ich stimme dir zu, dass das Ziel der Aufklärung nicht für die gesamte Gesellschaft gelten kann. Es wird lange Zeit nur eine Minderheit sein die wir ansprechen können, und selbst diese müssen wir mit gezielter Nachricht ansprechen. D.h. wir müssen die Person bezogen auf ihren Hintergrund aufklären. Es gibt z.B. bei einigen in der Freethought/Skeptiker Bewegung die Möglichkeit die religiösen Aspekte des Staates aufzuzeigen. Bei Eltern kann man auf John Taylor Gatto hinweisen und den Schaden der von staatlichen Schulen bei ihren Kindern angerichtet wird.

  3. Norbert Lennartz:
    Aug 28, 2011 at 11:16 AM

    Manuel, es spricht nichts gegen das Informieren von Personen, soweit die Personen dazu offen sind. Zu welchem Zweck man das jedoch tun MUSS, oder zu welchem Zweck man eine informierte Minderheit braucht, ist nicht dargelegt.





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