Der Apriorist - Blog 04. Oct. 2013

Der Verrat

von Norbert Lennartz

Tags: Ideologie, Minarchismus | Comments (0)

Es gibt Begriffe über immaterielle Kategorien. Man wird sie nie tatsächlich in der Realität antreffen. So wird man z.B. in Kolumbien keinen Äquator in der Landschaft vorfinden. Habe ich zwei Äpfel vor mir liegen, dann sehe ich die Äpfel, aber es gibt keine Zahl 'Zwei' außerhalb meiner eigenen Gedankenwelt in der Iteration von Äpfeln.
Soweit sollte das jeder verstehen. Aber dazu muss man sich über die Bedeutung der Begriffe im Klaren sein, denn manche Begriffe sind überladen, aber populär. Spricht jemand z.B. über Demokratie als Praxis in Deutschland, dann hat er keine Ahnung von dem unbestimmten Begriff. Er benutzt ihn nur, um mit seiner Moralkraft zu beeindrucken. Derartige politische Schlagwörter gibt es zu Hauf. Mit ihnen sollen beliebig gewünschte Assoziationen geweckt werden, um politische Ideologien zu prägen.

Die Ideologen und Kleingeister, die solche Begriffe anwenden, sind meist Politiker, Journalisten, Lobbyisten und Stammtischler. Libertäre sollten eigentlich davor gefeit sein, aber Klassisch Liberale bzw. Minarchisten sind das keineswegs. Auch sie bedienen sich ideologischen Werkzeugen, wenn sie infam versuchen, ihre politische Sache gegen den Anarchismus zu vertreten.

Ich möchte zwei neuerliche Vorfälle beschreiben. Der erste Fall spielt sich im Hayek-Club ab. Schauen Sie sich nur die 32. Minute dieses Videos an.

Habe ich einen Begriff wie 'Herrschaftslosigkeit' bzw. 'Anarchie' vor mir, dann wird es reichlich kompliziert. Moderiere ich nämlich: "Hat es das schon mal gegeben? Wohl weniger oder überhaupt nicht, wenn man ehrlich ist!" Schon suche ich mit einem unbestimmten Schlagwort einen historischen Zusammenhang. Allerdings müsste ich erst mal abgrenzen, was überhaupt "Herrschaft" ist. Ich könnte z.B. definieren, dass das Auftreten eines Diebstahls oder einer Räuberbande oder einer Schießerei in einer bestimmten Zeitperiode in einem bestimmten Land die "Herrschaftslosigkeit" aufhebt. Wenn dieses Szenario unwahrscheinlich genug erscheint, kann ich auch behaupten, dass es eine Anarchie in der modernen Welt noch kaum irgendwo gegeben haben mag. Ich muss nur, soweit überhaupt nötig, die gewünschte Assoziation herstellen und die geneigte Zuhörerschaft, die mit den Assoziationen und nicht mit den Begriffen vertraut ist, wird mir zustimmen oder in einem politischen Statement sogar applaudieren. So fällt es dann leicht zu behaupten, Anarchie sei eine Utopie. Dass was die meisten Anarchisten bewusst wenigstens erreichen wollen, ist aber weniger die Beseitigung aller Kriminalität, sondern die dauerhafte Aufhebung oder der Zerfall des staatlichen Gewaltmonopols zumindest an einem bestimmten besiedelbaren Ort. Wenn man sich dies nur kleinteilig oder praxeologisch genug denkt, dann ist Autonomie sogar die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Herrschaft geben kann.
Nun liegt aber eine saubere Begriffsverwendung nicht im Sinne derjenigen, die mit schrägen Assoziationen und politischen Schlagwörter arbeiten, denn diese sprachlichen Werkzeuge dienen gerade dazu, einen sauberen Erkenntnisgewinn zu zerstören. Habe ich einen historischen Zusammenhang assoziiert, dann kann ich nicht nur sagen, dass es Anarchie nicht gegeben haben mag, sondern dass Leute die von einer natürlichen Ordnung in der staatslosen "Privatrechts-Gesellschaft" ("Anarchie") reden, irren, denn etwas, das nicht natürlich vorkomme, könne offensichtlich nicht natürlich sein.
Und wieder wurde die irreführende historische Assoziation perfekt bedient. Jedoch wird in den anarchistischen Lehrbüchern mit der "natürlichen" Ordnung nicht das Vorkommen in der Realität oder "Natur" angesprochen, sondern damit meinen Rothbard et al. das Selbstverständliche an der Ordnung, so wie sie sich praxeologisch, apriorisch herleitet. Die Ordnung besteht im Prinzip darin, dass eine Handlung wie Diebstahl zu einem performativen Selbstwiderspruch führt, wollte man sie rechtfertigen. Das "Natürliche" ist die unleugbare Zweckbestimmung des kooperativen Handelns. Die Initiierung von Aggression führt so unvermeidlich zur Verletzung der Integrität der betroffenen Person, was die Kooperation logisch (in natürlicher Weise) verunmöglicht. Dies ist wiederum eine praxeologische Tatsache.
Man kann den Gelehrten freilich vorwerfen, dass sie das bisher nicht so gut erklärt haben. In der Tat gibt es einen Nachholbedarf, was die Praxeologie der kooperativen Ordnung angeht. (Dazu dient übrigens ein neues Buch im Erscheinen begriffen. Mehr dazu später.) Aber die Austrians, die Mises wegen der von ihm herausgearbeiteten Praxeologie verehren, glauben vielfach, sie könnten ihre Schule ohne praxeologische Grundlagen betreiben. Es gibt nicht nur einen Mangel an praxeologischer Literatur, sondern auch ein eklatantes epistemologisches Erkenntnisdefizit und utalitäre Vorlieben unter den Liberalismus-Apologeten. Wäre ich zum Beispiel selbstständiger Journalist und Politologe und der Meinung, dass sich über den Liberalismus ersprießlicher schreiben lässt, wenn ich meinen Lesern keine "Anarchie", sondern nur einen sog. "Minimalstaat" zumute, dann lässt sich mit dieser Vorgabe trefflich mehr Publikum erreichen. Also wird mein unterbewusstes Ich den Begriff der Herrschaftslosigkeit in natürlicher, kooperativer Ordnung (notfalls) bis zur Unkenntlichkeit aufweichen.

Der zweite Fall betrifft ein Interview der "Sons of Libertas" mit dem Hayekianer Gerd Habermann (Prof. für Ökonomie). Schauen Sie sich auch hier eine Minute des Videos an. (Der Link springt auf 9:26).

Habermann spekuliert hier über den Anarchokapitalismus: "... darauf vertrauend, dass es außerhalb des Marktes eine Agentur geben muss, die die Rechtsregeln durchsetzt." Der Sohn meint dann sinngemäß: "Ist ja egal; die Anarchokapitalisten können ja den Weg gemeinsam mit uns gehen." Habermann kurz und trocken: "Ja."

Polizeihelm:
Faschingsartikel, kann
im Handel erworben werden.

Wenn das tatsächlich ernst gemeint ist, dann zeigt das wie wenig diese Menschen von dem verstanden haben, was sie erzählen. Vor allem die Praxeologie lehrt uns, dass Regeln ganz eindeutig im kooperativen Handeln impliziert sind. Sie sind genauso Bestandteil des Tausches wie Güter und Dienstleistungen. Es ist bezeichnend und traurig zugleich, dass ausgerechnet von Gelehrten, die die österreichische Schule vertreten wollen, solches unwissenschaftliche Zeug verzapft wird. Wir müssen leider raten, ob dieser Irrtum dadurch motiviert ist, dass ein politischer Aktionismus vertreten wird. Man arbeitet nämlich neuerdings ernsthaft daran, unter der Führung von Schäffler und Gebauer aus der FDP eine klassisch liberale Partei zu machen. Dieses Projekt ist so lächerlich als wolle man aus der CDU endlich die lang ersehnte christliche Partei machen, um die Verheißung zu erfüllen. Bei diesem Unterfangen wird anscheinend auch die Gelegenheit wahrgenommen, die Anarchokapitalisten am langen Arm zu vereinnahmen. Es wird seit 150 Jahren so getan, als sei dieser Weg der einzige allheilig-machende.
Anarchokapitalisten werden sich strengstens dagegen verwehren, wenn man so tut als könne man staatliches Recht einer klassisch-liberalen Restaurierung unterziehen. Gerade das sogenannte Recht ist die empfindlichste Stelle auf einem Weg in Richtung Freiheit. Würde man diese weichgespülten und kontraproduktiven Ideen akzeptieren, dann ziehen sie den freien Willen des Menschen mit Bleikugeln zur Erde. Jeder vernünftige Mensch würde zuerst versuchen, sich von dieser Last zu befreien.




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